07.01.2005: Wir gedenken heute Oury Jalloh!

Wir gedenken heute Oury Jalloh, der am 07.01.2005 unter bis heute ungeklärten Umständen in einer Dessauer Polizeizelle verbrannte.

Bereits zuvor kam es zu ungeklärten Todesfällen im Dessauer Polizeirevier. Da die Opfer allerdings Asylbewerber und Obdachlose waren, nimmt die Öffentlichkeit nur wenig Notiz von diesen Fällen. Und auch für Verschwörungstheoretiker und „Aufklärer“ wie Elsässer oder Ken Jebsen ist dieser Fall recht uninteressant, da man hier weder Juden verantwortlich machen kann, noch Rechtsradikale (wie NSU oder K.H. Hoffmann) entlasten und in Schutz nehmen könnte.

Die Chronik der Ereignisse:

Hans Jürgen Rose war im Dezember 1997 weit nach Mitternacht wegen Trunkenheit am Steuer ins Polizeirevier verbracht worden. Angeblich 2 Stunden nach seiner Entlassung wurde er mit schwersten Verletzungen auf dem Bürgersteig vor dem Haus Wolfgangstr.15, nur wenige Häuser vom Polizeirevier entfernt, aufgefunden. Er verstarb noch am gleichen Morgen im Krankenhaus.
Die Ermittlungen zur Todesursache führten schon hier zu keinem eindeutigen Ergebnis, die schweren inneren Verletzungen des Herrn Rose konnten oder sollten nicht hinreichend erklärbar werden. Allerdings hatte ein Polizeibeamter im Speiseraum des Reviers in besagter Nacht einen Kollegen sagen hören, „Der wollte mir doch ein paar auf die Fresse hauen, da hab ich ihm aber eine eingezogen!“.
An einer Säule im Speisesaal des Reviers wurden zahlreiche DNA – Spuren von Hans Jürgen Rose sicher gestellt. Deshalb sollte ermittelt werden, ob er eventuell an diesen Säulen mittels Handschellen gefesselt und in wehrlosem Zustand von den Polizeibeamten geschlagen und getreten worden war. Handfesseln und Schlagstöcke der diensthabenden Polizisten waren gesichert worden. Diese Ermittlungsausrichtung war, den mit dem Fall Rose beauftragten Kriminalbeamten zufolge, am besten geeignet, um die schweren Verletzungen des Herrn Rose zu erklären. Trotzdem, oder wahrscheinlich genau deshalb, blieben diese Ermittlungen offen.

Der mit den Untersuchungen beauftragte Kripobeamte beklagte in seinem Abschlussbericht die widersprüchlichen Zeugenaussagen der Polizisten. Sie hatten unter anderem auch versäumt, die Verbringung des Herrn Rose ins Revier zeitlich zu dokumentieren. Differenzen und Ungenauigkeiten der Uhrzeitangaben in der polizeilichen Protokollierung konnten ebenfalls nicht zweifelsfrei geklärt werden. Ausserdem wurde das 2. Fachkommissariat der Polizeidirektion Dessau viel zu spät in die Ermittlungen eingeschaltet.

Im Jahr 2002 wurde der obdachlose Mario Bichtemann in Gewahrsam genommen, über viele Stunden in der Zelle 5 festgehalten und schliesslich mit einem Schädelbasisbruch tot auf dem Zellenboden aufgefunden. Auch hier wurde nicht aufgeklärt, wie es zu dieser tödlichen Verletzung kommen konnte. Andreas Schubert war zu dieser Zeit der verantwortliche Dienstgruppenleiter. Deshalb liefen gegen ihn und einen weiteren Kollegen Ermittlungen, die zum Todeszeitpunkt von Oury Jalloh noch nicht abgeschlossen waren. Besorgt über das Wohlergehen des DGL Schubert wandte sich der damals zuständige Revierleiter Gerald Kohl an die Polizeipräsidentin Brigitte Scherber-Schmidt mit der Bitte, die Untersuchungen gegen Andreas Schubert einzustellen. Kohl wollte nach eigener Aussage seinen Diensgruppenleiter nicht doppelt belastet sehen.

2005 kam es zum grausigen Höhepunkt tödlicher Polizeigewalt in Dessau: Am frühen Morgen des 7. Januars 2005 war Oury Jalloh von zwei Beamten ohne rechtliche Grundlage in Gewahrsam genommen und in der Zelle 5 über mehrere Stunden auf eine feuerfeste Matratze an Händen und Füssen fixiert worden. Dienstgruppenleiter: ebenfalls Andreas Schubert. Als das Feuer ausbrach, schaltete dieser mehrfach den Feueralarm und die Gegensprechanlage aus. Für Oury Jalloh kam jede Hilfe zu spät. Bei einer späteren Obduktion, von den Unterstützern veranlasst, wurde ein frischer Nasenbeinbruch festgestellt. Außerdem war er zum Zeitpunkt des Feuers bewusstlos.
Beweismittel tauchten erst Tage später auf, bei einem späteren Prozess, bei dem der Richter den Polizisten bescheinigte, Falschaussagen zu machen und sich gegenseitig zu decken, wurden der Dienstgruppenleiter und ein zweiter Beamter „aus Mangel an Beweisen“ freigesprochen. Im Berufungsprozess erhielten beide eine Geldstrafe.
Eine Dokumentation im ARD beleuchtet den Fall: https://www.youtube.com/watch?v=dVUbtwFV0PI

Heute, am 10. Todestag, werden in Dessau sowie in zahlreichen anderen Städten Gedenkdemonstrationen stattfinden.

Quellen:
http://cl-netz.de/foren/cl.politik.antifa/Moerderische-Verhaeltnisse-im-Polizeirevier-Dessau-Rosslau-94288.html
http://initiativeouryjalloh.wordpress.com/

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