Dirk Müller: „Was ist die Story hinter der Story?“

„Was ist die Story hinter der Story?“, fragt Dirk Müller mit bedeutungsvoll hochgezogenen Augenbrauen, während er sich auf seinem YouTube-Kanal „CashKurs“ tiefschürfende Gedanken macht zu den #PanamaPapers. Und dann stellt er die seiner Ansicht nach wirklich entscheidende Frage: „Wer steht nicht auf der Liste?“ [1] Denn wer nicht draufsteht, so die Logik, der profitiert und steckt deshalb auch irgendwie hinter allem. Wurde die Liste manipuliert? Warum stehen keine Amerikaner und Deutschen drauf? Cui bono, knick knack, Sie wissen schon. [2] Dass es sich gar nicht um eine Liste handelt, sondern um ein Konvolut aus Daten, das auf verschiedene Weise ausgewertet werden muss, um Erkenntnisse zu gewinnen, interessiert da wenig.

Ein düsteres Raunen

„Kommen die Enthüllungen über EU-/US-Politiker noch?“, twittert unterdessen der Videoblogger Tilo Jung [3] und impliziert damit, dass Informationen zurückgehalten werden. Von wem, das sollen wir uns wohl selbst denken. Der YouTube-Star interessiert sich ebenso wie Müller nicht besonders für Banalitäten wie die Tatsache, dass praktisch alle deutschen Banken durch die Panama-Papers belastet werden. [4] Es ist nun erwiesen, dass sie ihren Kunden undurchsichtige Finanzgeschäfte ermöglichten. Welche genau, und was das bedeutet, wird sich erst noch zeigen.

Aber was soll’s, man kann auch einfach mal eben Behauptungen in den Raum stellen. Wie der Typ auf Reddit, der glaubt, dass keine Israelis in den Papers zu finden seien und damit sicher nicht allein ist [5], tatsächlich finden sich dort mehrere Hundert Firmen und Personen aus Israel. [6]

Auch bei Wikileaks hat das Raunen über vermeintliche Manipulationen bereits begonnen, berichtet Vice Motherboard. [7] Über die Verwicklungen von David Camerons Vater werde man im „Guardian“ bestimmt nichts lesen, glaubt der Twitter-Account der Enthüllungsplattform aus irgendeinem Grund zu wissen. Das ist schlichtweg Unsinn, gerade dieses Blatt berichtet umfassend. [8] Der Guardian war übrigens vor sechs Jahren neben Spiegel Online, der New York Times und dem Tagesspiegel an der Analyse und Veröffentlichung der Afghanistan-Dokumente von WikiLeaks beteiligt. [9] Ohne die arbeitsintensive Aufbereitung durch Journalisten hätten die bloßen Daten wohl kaum ihre öffentliche Wirkung erreicht.

Bei Telepolis schwurbelt unterdessen Ernst Wolff vor sich hin und behauptet eine „Zurückhaltung von Informationen“ erkannt zu haben. Sein Artikel erschien auch beim russischen Portal Sputnik und auf der Website von KenFM. [10] Der Autor von ‚Weltmacht IWF – Chronik eines Raubzugs‘ [11] ordnet das Ganze in eine vermeintliche „Doppelstrategie der US-Regierung“ ein, die er vom heimischen Rechner aus entdeckt zu haben glaubt. Der selbsternannte Experte bleibt im Vagen und Nebulösen, im Wahnwichtel-Spektrum dürfte Wolffs Raunen jedoch gerade deshalb binnen kürzester Zeit in den Rang einer Expertise erhoben werden.

Wahnwichtel wie Dirk Müller wollen nicht aufklären

Natürlich kann und sollte man kritische Fragen zur Arbeit des Recherche-Teams stellen, das tut auch unter anderem das Medienmagazin Meedia in einem ziemlich spekulativen Essay. [12] Die Wahnwichtel jedoch beweisen einmal mehr nur eines: Ihnen ist nicht an Aufklärung gelegen, sondern daran, ihre paranoide und stark verkürzte Weltsicht bestätigt zu finden. Was dazu nicht geeignet ist, muss reflexartig als ‚Nebelkerze‘ oder ‚False-Flag-Aktion‘ zurückgewiesen werden.

Wer im Zuge der Offshore-Geschäfte wirklich an Straftaten oder moralisch fragwürdigen Deals beteiligt war – und in welcher Weise genau – das wird sich erst zeigen, wenn mehr Daten bekannt sind. Lügenpresse-Brüller interessiert so etwas nicht die Bohne. Sie wollen schnelle Schuldzuweisungen und die immer gleichen Schwarz-Weiß-Schemata – keine komplizierten Analysen von Vorgängen und Systemen. Ihre „Story hinter der Story“ ist am Ende nur immer wieder dieselbe alte Leier.

Foto: Dirk Müller (Experte für alles)

Anmerkungen
[1] https://youtu.be/3C2gSUJ5-Bk
[2] https://youtu.be/WpnlkYC7MWU
[3] https://twitter.com/TiloJung/status/716913920385093632
[4] http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/panama-papers-der-kurze-draht-der-deutschen-banken-a-1085489.html
[5] https://www.reddit.com/r/conspiracy/comments/4daidv/no_israel_and_usa_citizens_in_panama_papers/
[6] http://www.haaretz.com/world-news/1.712497
[7] http://motherboard.vice.com/de/read/die-panama-papers-und-das-luegenpresse-dilemma-444
[8] z.B. http://www.theguardian.com/news/2016/apr/04/panama-papers-david-cameron-father-tax-bahamas ; http://www.theguardian.com/politics/2016/apr/05/what-david-cameron-did-and-didnt-say-about-his-fathers-offshore-trust und http://www.theguardian.com/news/2016/apr/05/david-cameron-left-dangerously-exposed-by-panama-papers-fallout
[9] https://de.wikipedia.org/wiki/Veröffentlichung_des_Kriegstagebuchs_des_Afghanistan-Krieges_durch_WikiLeaks
[10] http://www.heise.de/tp/artikel/47/47867/2.html ; http://de.sputniknews.com/kommentare/20160405/308967184/hinter-panama-papers.html und https://kenfm.de/was-steckt-hinter-den-panama-papers/
[11] http://www.tectum-verlag.de/weltmacht-iwf.html
[12] http://meedia.de/2016/04/05/die-panama-papers-und-der-grosse-unbekannte-wie-glaubhaft-ist-die-saga-vom-hehren-whistleblower/

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