Wie die ‚Identitären‘ mit ‚Defend Europe‘ Geld machen

Alt-Right-Aktivistin Brittany Pettibone und Defend Europe: Mit Social Media für die 'weiße Rasse'
Alt-Right-Aktivistin Brittany Pettibone und Defend Europe: Mit Social Media für die 'weiße Rasse'

Das Schiff der rassistischen Aktion Defend Europe ist nun doch wieder in See gestochen. Auch wenn die Irrfahrt chaotisch verläuft, geht die Strategie dahinter teilweise auf. Mit Social-Media-Aktivismus und Crowdfunding mobilisieren die Neurechten ihre Anhängerschaft.

Die C-Star macht auf Bildern einen gewaltigen Eindruck. Tatsächlich ist sie aber ein relativ kleines Schiff, das mit einer regulären Besatzung von nur acht Personen fährt. Das hat sie sozusagen mit der ‚Identitären Bewegung‘ gemein. Das Forschungsschiff bietet außerdem 12 bis 24 Schlafplätze für zivile Passagiere. [1] Diese Passagier-Kojen hatte der Schiffseigner offenbar zuvor an eine Gruppe junger Seeleute aus Sri Lanka vermietet. Als die in Famagusta (Nordzypern) von Bord gingen, beantragten fünf von ihnen – lokalen Journalisten zufolge – Asyl im griechischen Teil der Insel. [2]

Daraufhin wurden der Kapitän und sein Stellvertreter vorübergehend festgenommen. Verdacht: Schlepperei. Das ist natürlich peinlich für die Aktion ‚Defend Europe‘, die ja gerade Einwanderung verhindern soll. Aber das Ende der Irrfahrt bedeutet es noch nicht. Die Besatzung wurde wieder freigelassen, die C-Star ist am Donnerstagabend aus dem Hafen von Famagusta ausgelaufen. Jetzt ist sie vermutlich auf dem Weg nach Sizilien, wo die fremdenfeindliche Reisegruppe bereits sehnsüchtig wartet. [3] Der ‚Identitäre‘ und Ex-Marinefunker Alexander Schleyer ist als Vizekapitän an Bord. [4]

Bei Defend Europe klingelt derweil die Kasse

Die Aktion ‚Defend Europe‘ wird durch Crowdfunding auf WeSearchR.com finanziert. Die meisten Crowdfunding-Portale wie Kickstarter oder Indiegogo dulden ausdrücklich keine rassistischen oder sexistischen Kampagnen. Darin hat WeSearchR eine Marktlücke erkannt – und bietet genau denen eine Plattform. Dort sammelt zum Beispiel die US-amerikanische Neonazi-Website ‚Daily Stormer‘ Geld für Anwaltskosten. [5] Ein anderer User hat ein Kopfgeld ausgesetzt, um einen Antifa-Aktivisten zu überführen, der den bekannten Rassisten Richard Spencer vor laufender Kamera geschlagen hat. [6]

WeSearchR wurde 2015 von Charles C. Johnson gegründet, einem rechtsradikalen Provokateur, der durch persönliche Attacken gegen Journalisten berüchtigt wurde. [7] Das Geschäftsmodell der Crowdfunding-Website ist auf Enthüllungskampagnen ausgelegt. Als solche begreift sich auch ‚Defend Europe‘. Mit ihrer Selbstinszenierung wollen die ‚Identitären‘ die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die Verschwörungstheorie vom ‚Großen Austausch‘ lenken. [8] Die Rechtsradikalen wollen nachweisen, dass NGOs und Seenotretter planvoll muslimische Einwanderer nach Europa bringen. Die Organisationen handeln ihrer Ansicht nach im Auftrag finsterer Mächte.

Die perfide Medienstrategie von Defend Europe

Die Neurechten spielen also gewissermaßen ein doppeltes Spiel: Sie provozieren ihre politischen Gegner und die Medien, um möglichst viel Trubel auszulösen. Das wiederum motiviert ihre Unterstützer aus der rechten Szene zu Geldspenden. Aktuell haben sie bereits über 135.000 Euro über WeSearchR eingenommen. [9] Pro Tag dürfte die C-Star etwa 9.000 EUR kosten. [10] Wenn die Passagiere aus Sri Lanka ihren Teil der Strecke selbst bezahlt haben, dürfte die Kasse der Aktion noch gut gefüllt sein. Die Kreuzfahrt findet also statt. Vorausgesetzt, es kommt nicht zu weiteren Zwischenfällen.

Identitären-Chef Martin Sellner und seine Kameraden versuchen unterdessen bereits, die Widrigkeiten als Belege für die Existenz der ganz großen Verschwörung zu deuten. Ihrer Darstellung zufolge versuchen die NGOs mit aller Macht, die Aufdeckung ihrer eigenen düsteren Machenschaften zu verhindern. [11] Auch der Neonazi Simon Kaupert bläst in dieses Horn. Kaupert blogt für das Compact-Magazin von der Aktion ‚Defend Europe‘ aus Italien. In einem abenteuerlichen Text behauptet er, „Undercover im NGO-Hafen“ mit eigenen Augen beobachtet zu haben wie die „gewaltige Asyl-Maschinerie“ ein Heer von „männlichen Afrikanern“ in die EU schleust. [12]

Die ‚weiße Rasse‘ retten – auf YouTube

Die US-amerikanische YouTuberin Brittany Pettibone wartet unterdessen gemeinsam mit den ‚Identitären‘ in Catania auf die Ankunft des Schiffs. „Dass die NGOs so sehr versuchen, #DefendEurope zu verhindern, macht die Theorie glaubhafter, dass sie etwas verbergen“, schreibt die 24jährige Verschwörungs-Multiplikatorin. Wenn Pettibone nicht gerade in Italien Urlaub macht, behauptet sie in den sozialen Medien unter anderem, im Geheimen sei ein „Genozid“ an Weißen im Gange. [13]

Das zuckersüß lächelnde Internet-Sternchen moderiert eine YouTube-Show gemeinsam mit der Neonazi-Aktivistin Tara McCarthy. Die behauptet allen Ernstes, dass Flüchtlingskrisen von den Juden inszeniert werden, um die weiße Rasse auszurotten. [14] Vermutlich wird Pettibone nicht an Bord der C-Star gehen. Doch sie hat geholfen, Geldspenden von der US-amerikanischen Alt-Right zu mobilisieren. Und die Show geht weiter. Die humanitäre Krise im Mittelmeer bildet in den Augen der White-Power-Influencer eine ideale Kulisse für ihre menschenverachtende Social-Media-Propaganda.

Twitter-User und Journalisten haben bereits das Ende der Aktion ‚Defend Europe‘ verkündet. Das war wohl etwas voreilig. Die rechtsradikalen Nerds sind durchaus noch im Rennen und sie werden versuchen, möglichst viel Bild- und Tonmaterial zu produzieren. So wollen sie die Verschwörungstheorie vom ‚Großen Austausch‘ und der angeblichen Vernichtung der ‚weißen Rasse‘ durch allmächtige Verschwörer weiter verbreiten. Dass es dafür ein Publikum gibt, zeigen die Klickzahlen ihrer Videos und die Spendensummen.

Folge der Kentrail-Verschwörung auf Facebook und Twitter.

Anmerkungen

[1] Werbung des Schiffseigners ‚C Vessels‘. Das Schiff wurde auch schon zum Transport von Waffen benutzt. In einer Studie der NGO ‚Remote Control Center‘ wird sie unter ihrem alten Namen „Suunta“ mit der Schiffsnummer 7392854 als „Floating Armory“ (schwimmende Waffenkammer) von Sicherheitsunternehmen aufgeführt.

[2] ARD-Faktenfinder (27.07.2017 18:01 Uhr) unter Berufung auf die Zeitung ‚Kibris Postasi‘.

[3] Aktuelle letzte gemeldete Position laut Vesselfinder: Vor der zypriotischen Küste, Donnerstag 19:11: 35°00’44.7″N 34°09’57.0″E. Keine Angabe über das Ziel.

[4] taz-Journalist Christian Merz auf Twitter, 27.07.2017 ca. 19 Uhr.

[5] Im vergangenen Dezember lancierte der ‚Daily Stormer‘ eine antisemitische Hetzkampagne gegen eine jüdische Immobilienmaklerin und wurde dafür von der Anti-Rassismus-NGO ‚Southern Poverty Law Center‘ verklagt (Guardian, 20.04.2017). Über WeSearchR wurden bereits über 159.000 US-Dollar für die Verteidigung des Neonazi-Portals eingenommen.

[6] Die Kampagne hat bisher 5.650 US-Dollar eingespielt. Porträt von Richard Spencer in The Atlantic (Juni 2017).

[7] Johnson betreibt die Website gotnews.com, die kompromittierende Stories über Personen des öffentlichen Lebens verbreitet. Seine Twitter-Accounts wurden bereits vor Jahren gesperrt. Werdegang des Provokateurs bei Mother Jones (16.12.2014) und Entstehung von WeSearchR bei CNBC  (24.06.2017) .

[8] Eine rassistische Verschwörungstheorie des Schriftstellers Renaud Camus. FAZ.NET zu Camus (18.09.2015).

[9] WeSearchR: 158,429 US-Dollar von 2050 Einzelspendern am 27.07.2017 um 22:00 Uhr.

[10] Experten-Schätzung laut watson.ch (24.07.2017).

[11] Defend Europe auf Twitter (26.07.2017).

[12] Compact-Website (26.07.2017).

[13] Auftritt Pettibones bei einer Demo der Alt-Right in Berkeley: Mother Jones (18.04.2017)  und Buzzfeed (18.04.2017).

[14] McCarthy erlangte einige Aufmerksamkeit im anglophonen Raum, als sie einen Professor des King’s College London in ihrer eigenen Online Sendung „The Reality Calls Show“ zu Gast hatte: Cub Magazine (16.02.2017).

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