SIE kommen, um uns Weihnachten wegzunehmen!

Der Krieg gegen Weihnachten ist im vollem Gange
Der Krieg gegen Weihnachten ist im vollem Gange

Weihnachten ist in Gefahr, glauben rechte Islamfeinde und Konservative. Weihnachtsmärkte werden umbenannt, die christliche Identität wird verboten. Die durchgeknallte Vorstellung geht auf fundamentalistische Christen in den USA zurück.

„Ich kenne kein Land außer Deutschland, das seine eigene Kultur und Tradition so über Bord wirft“, polterte Erika Steinbach vor einigen Wochen auf Facebook. Die rechte Hass-Schleuder regte sich über das Foto eines Plakats für den „Lichtermarkt“ der schleswig-holsteinischen Stadt Elmshorn auf. Dieses Poster zeigte ein dunkelhäutiges Kind. Die wenigsten Betrachter würden daran eine Provokation sehen. Doch Steinbach erkannte ein „Einknicken“ vor dem Islam. Elmshorn hätte aus Angst vor Muslimen den Weihnachtsmarkt umbenannt und auf Werbung mit weißen Kindern verzichtet, glaubte die Ex-Politikerin, und zeigte so einmal mehr, dass sie nicht alle Nadeln an der Tanne hat.

Weihnachten in Gefahr? Ein schräger Hoax.

Die ganze Geschichte ist schlicht und ergreifend Unsinn. Der Elmsholmer Lichtermarkt hat seinen Namen bereits seit zehn Jahren aus kommerziellen Gründen erhalten, auch das Plakat hat nichts mit Migration oder Muslimen zu tun. [1]

Die Idee, das Weihnachtsfest sei in Gefahr, kursiert jedoch seit Jahren in rechten Kreisen. Um die Verschwörung gegen das Fest der Liebe zu beweisen, werden immer wieder hanebüchene Behauptungen aufgestellt. 2014 ließ sich auch die „Bild am Sontag“ auf den Hoax ein. In Kreuzberg sei der Weihnachtsmarkt „verboten“ worden, meldete BamS. Das Blatt startete sogar Umfragen, um herauszufinden, was „die Deutschen“ davon halten. Konservative Politiker schalteten sich ein: Josef Zellmeier, der Parlamentarische Geschäftsführer der CSU-Fraktion im Bayerischen Landtag wetterte über diesen „Auswuchs falsch verstandener Multikulti-Ideologie“. Das einzige Problem: Es gab nie ein derartiges Verbot, die ganze Geschichte war eine Ente. [2]

Der „War on Christmas“ ist ein US-Import

Die Verschwörungstheorie ist jedoch nicht totzukriegen. In den Vereinigten Staaten kämpft sogar Präsident Donald Trump an vorderster Front im „War On Christmas“. So heißt dieser Pseudo-Konflikt bei rechten Medien wie Fox News. In deren Fantasie haben sich politisch korrekte Gutmenschen mit Islamisten zusammengetan, um die schöne Feststimmung zu vermiesen.

Den Mythos einer tiefgreifenden Verschwörung gegen Weihnachten gibt es aber schon viel länger. Die Wahnvorstellung geht auf radikale Christen und den Kalten Krieg zurück. 1957 behauptete die rechte „Church League of America“ allen Ernstes, die populäre Abkürzung „Xmas“ für „Christmas“ sei eine verdeckte kommunistische Kampagne. Die rechtsradikale „John Birch Society“ erkannte in der Kommerzialisierung des Festes eine perfide sowjetische Unterwanderung. In den 1960er Jahren griff der rechte Hetzer Gerald L. K. Smith die Idee auf. Smith war der Kopf der antisemitischen Organisation „Christian Nationalist Crusade“ und behauptete unter anderem, die Juden hätten den Weihnachtsmann erfunden, um die Botschaft Jesu aus dem Bewusstsein der Menschen zu verdrängen. [3]

Die Debatte wurde nach 2000 unter anderen Vorzeichen wiederbelebt, nicht zuletzt von dem mittlerweile wegen sexueller Übergriffe entlassenen Fox-Moderator Bill O’Reilly. Die Empörung entzündet sich vor allem an der Verwendung religionsneutraler Ausdrücke wie „Happy Holidays“. Die Verwendung des Pendants „Merry Christmas“ wurde natürlich nie verboten. Die Kämpfer im Weihnachtskrieg wollen den gesellschaftlichen Wandel der vergangenen Jahrzehnte ungeschehen und die weißen Protestanten wieder zur dominanten Gruppe in der Gesellschaft machen. Die Religion wird dazu instrumentalisiert. Das verbindet die amerikanischen Puritaner mit den deutschen Islamfeinden. Die haben das Motiv inzwischen übernommen und auf hiesige Verhältnisse übertragen. Mit ihren skurrilen Zwischenrufen wollen sie der Gesamtgesellschaft eine rassistische Debatte um Identität aufzwingen, die niemand außer ihnen braucht.

Anmerkungen

[1] NDR am 27.11.2017.

[2] Bild-Blog am 10.12.2014 zur Genese der Zeitungsente. Taz am 17.12.2014 zum Skandal.

[3] Wikipedia-Eintrag zu den „Christmas Controversies“. Washington Post vom 01.12.17.

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