Wegen Hetze: Lehrer des Grauens suspendiert

Nikolai Nerling: Lehrer des Grauens
Nikolai Nerling: Lehrer des Grauens

Der Berliner Grundschullehrer Nikolai Nerling hetzt seit Monaten in YouTube-Videos gegen Flüchtlinge und verbreitet rechte Verschwörungstheorien. Jetzt wurde der Shooting-Star der Aluhut-Szene vorübergehend beurlaubt. Seine Videos werden unterdessen immer schräger.

Der selbsternannte „Volkslehrer“ weint. Für Deutschland. In einem skurrilen YouTube-Video vom Dienstag schluchzt Nikolai Nerling in die Kamera. Anfang der Woche wurde er vom Unterricht an der Berliner Vineta-Schule freigestellt. Doch das ist – angeblich – nicht der Grund für den Gefühlsausbruch. Unter Tränen liest Nerling das Gedicht „Der Lotse“ von Ludwig Giesebrecht aus einem alten Lehrbuch der Kaiserzeit. Im Hintergrund hängt eine Lerntafel für die altdeutsche Sütterlin-Schrift. [1] „Der Lotse“ handelt von einem heroischen Mann, der freiwillig sein Leben riskiert, um ein Schiff zu retten. Damals durften Männer in Deutschland noch Männer sein, glaubt der Lehrer für Englisch, Musik und Sport.

Lehrer des Grauens freut sich über Aufmerksamkeit

Der Heldenmut des Lotsen begeistert Nerling so sehr, dass seine Stimmung schlagartig kippt. Aus dem Schluchzen wird Freude, er strahlt übers ganze Gesicht. Die Performance hat einen manisch-depressiven Charme. Offenbar ist es eine Reaktion auf die Beurlaubung. In einem weiteren Video freut er sich, wieder mit Tränen in den Augen, über sein Bild auf der Titelseite des Berliner Kuriers (Schlagzeile: „Jetzt hat er hetzefrei!“). [2] Nerling scheint mittlerweile zu glauben, dass jede Form von Medienaufmerksamkeit ihm irgendwie nützlich sein kann.

In den vergangenen Monaten ist der rechte Aktivist ein kleiner Star der Verschwörungsszene geworden. Bekannt ist er vor allem für Störauftritte. Beim Evangelischen Kirchentag hat er eine Schweigeminute für auf der Flucht gestorbene Menschen mit Zwischenrufen gestört. Danach wurde er im Kreml-Kanal „RT Deutsch“ als aufrechter Bürger präsentiert, der sich den Mund nicht verbieten lässt: „Der Mann, der das Schweigen brach“ [3] Die Abonnentenzahlen seines YouTube-Kanals stiegen. Die neugewonnene Popularität gab dem Querulanten Selbstvertrauen.

Nikolai Nerling gibt Verschwörungsmythen an seine Schüler weiter

Doch mittlerweile wächst der Druck auf den selbsternannten Aufklärer. Dem Tagesspiegel gegenüber gaben Eltern an, Nerling habe seine Schüler im Unterricht über erstaunliche Dinge „informiert“: Die Pyramiden seien nicht von den Ägyptern gebaut worden und das Ebola-Virus sei eine Erfindung der Pharmaindustrie. [4]

Das bestätigte auch Nerling selbst an anderer Stelle: In einem Gespräch mit einem rechtsesoterischen Podcast namens „Schlaf-Stopp mit Martin“ sprach Nerling Anfang Januar über seine Schüler. Die würden selbst sehen, dass es an der Schule zu viele „Ausländer“ gebe und dass das ein Problem sei, sagt Nikolai Nerling. Einige seiner Schüler kennen seinen YouTube-Kanal, behauptet er weiter, und haben mit ihm darüber gesprochen:

Die Kinder gucken das auch, na klar. Die Kinder sind immer ganz begeistert, wenn meine Abonnentenzahlen hochsteigen. Das ist für die offenbar sehr wichtig. […] Manche kommentieren auch meine Videos. Das finde ich immer sehr nett. [5]

Er würde den minderjährigen Fans zwar sagen, dass die Videos für Erwachsene seien. Aber die Kinder schauen sie eben trotzdem an, weil sie sich dafür interessieren, führt der verantwortungslose Lehrer weiter aus. Dass Nerling seine extremistischen Ansichten an die ihm anvertrauten Kindern vermittelt, dürfte als schwere Verletzung der Dienstvorschriften gelten. Nerling ist kein Beamter, sondern hat als Angestellter nur geringen Kündigungsschutz.

Am 22. Januar findet in der Vineta-Grundschule eine allgemeine Schulkonferenz statt, deren Termin schon seit längerer Zeit feststeht. Ob der Lehrer des Grauens und sein Beschäftigungsverhältnis dort zum Thema werden, hängt wohl wesentlich von den Eltern ab. Die Schulleitung scheint vor allem an ihrem Bild in der Öffentlichkeit interessiert zu sein. Der kommissarische Leiter bat den Tagesspiegel letzte Woche darum, nicht über den Fall zu berichten. [6]

22.10.2017 Berlin: Shoahleugner provoziert auf bürgerlicher Anti-Afd-Demonstration

Anmerkungen

[1] „Der Lotse“ auf YouTube am 9.1.2018

[2] „Kurier, Morgenpost, Lasic und Kleber – wer macht das Rennen?“ auf YouTube-Kanal am 9.1.2018

[3]  „Shoahleugner, Reichsbürger und Verschwörungsideologe: Ein Grundschullehrer des Grauens“ auf Friedensdemo-Watch am 6.1.2018

[4] „Umstrittener Lehrer vorerst vom Dienst freigestellt“, Tagesspiegel am 8.1.2018

[5] „Nikolai, der Volkslehrer Interview bei Schlaf-Stopp mit Martin“ auf YouTube am 3.1.2018

[6] „Berliner Grundschullehrer predigt Verschwörungstheorien“, Tagesspiegel am 6.1.2018

Ähnliche Artikel: