„Volkslehrer“ wird zum rechtsradikalen Internet-Star

"Volkslehrer" Nikolai Nerling auf dem Weg zu seinem großen Auftritt in Lüneburg
"Volkslehrer" Nikolai Nerling auf dem Weg zu seinem großen Auftritt in Lüneburg

Der Videoblogger Nikolai Nerling nutzte eine Ratssitzung in Lüneburg zur Selbstdarstellung und ließ sich von seinen Fans feiern. Gegenüber Journalisten provozierte er mit revisionistischen Äußerungen zum Holocaust. Sein YouTube-Kanal Der Volkslehrer wird in der rechten Szene immer beliebter.

Der selbsternannte „Volkslehrer“ hätte den Lüneburger Bürgermeister beinahe sein Amt gekostet. Anfang Mai traf Gerhard Scharf zufällig auf Nikolai Nerling. An einem Gedenkstein für Lüneburger Wehrmachtssoldaten kamen die beiden Männer ins Gespräch. Nerling filmte die Begegnung und veröffentlichte das Video online. Darin verteidigt der Bürgermeister die 110. Infanterie-Division, die im Zweiten Weltkrieg an schweren Kriegsverbrechen beteiligt war. Nerling feiert ihn als aufrechten Patrioten. Hintergrund ist ein lokaler Streitfall: Antifa-Gruppen fordern seit Jahren, dass der Stein durch ein Mahnmal für die Opfer ersetzt werden soll. Solche Forderungen und Proteste bezeichnete Scharf im Video als „Riesentheater“, das dem Ansehen der Stadt schade. [1]

Der Bürgermeister muss sich entschuldigen

Nachdem das Video bekannt wurde, forderte der Lüneberger Professor Ulf Wuggenig den Rücktritt Scharfs [2], ebenso die Ortsgruppe des VVN-BdA [3] und die Fraktion der Linken im Lüneburger Stadtrat. Am 1. Februar stimmte der Rat in einer öffentlichen Sitzung darüber ab. Der ehemalige Gymnasialdirektor Scharf verlas eine Entschuldigung:

„Als langjähriger, ehrenamtlicher Bürgermeister und Historiker sollte mir hinlänglich bekannt sein, welche Wirkung falsch gewählte Worte haben können und dass eine unmissverständliche Ausdrucksweise von elementarer Bedeutung ist. […] Doch bei meinen Aussagen im Video eines Bloggers am 2. Januar habe ich das nicht berücksichtigt – was ich sehr bedauere und für das ich mich bei Ihnen, sehr verehrte Damen und Herren des Rates, und bei den Bürgerinnen und Bürgern der Hansestadt entschuldige.“ [4]

Linke, Grüne und FDP sprachen sich in Redebeiträgen für eine Abwahl des Bürgermeisters aus, CDU und AfD stärkten ihm jedoch den Rücken. In geheimer Wahl stimmten am Ende 17 Ratsmitglieder für die Entlassung Scharfs, aber eine knappe Mehrheit von 20 wollte ihn im Amt behalten. Derweil im Publikum: der Videoblogger, der die Kontroverse ausgelöst hatte. Trotz der Distanzierung Scharfs wertete Nerling das Abstimmungsergebnis als persönlichen Erfolg.

Der „Volkslehrer“: eine rechte Rampensau

Nikolai Nerling nutzte die Ratssitzung als Bühne zur Selbstdarstellung. „Deutsche Seelen wurden zerstört“, verkündete er gegenüber Journalisten. Mit „Lügen“ über „erfundene“ Verbrechen des Holocaust seien „deutsche Kinder“ seit 1945 manipuliert worden. Den Schülern habe man zum Beispiel beigebracht, dass Leichen von Juden in Konzentrationslagern systematisch zu Seife verarbeitet worden seien, behauptete er. [5] Das ist falsch. Dieses Thema stand nie auf dem Lehrplan von Schulen. Das Gerücht von der Seifenherstellung kursierte bereits während des Krieges, ist aber von Historikern widerlegt worden. Die Seifenlegende ist ein typisches Scheinargument von Holocaust-Leugnern, um Zweifel an der Historizität des Holocausts insgesamt zu säen. [6]

Anfang Januar hatte der Tagesspiegel über den Lehrer und seinen YouTube-Kanal berichtet. Daraufhin wurde er von der Vineta-Grundschule beurlaubt. Die Bildungsverwaltung stellte Strafanzeige wegen Volksverhetzung. Das Video mit den Aussagen des Lüneburger Bürgermeisters erschien ausgerechnet zu dieser Zeit auf dem Kanal Der Volkslehrer und erhielt dadurch bundesweite Aufmerksamkeit.

Der Internet-Hetzer Nikolai Nerling stammt aus Lüneburg. In den vergangenen Wochen entwickelte er eine regelrechte Obsession mit seiner Heimatstadt. In mehreren Videobeiträgen attackierte der 37jährige nicht nur die dortige Antifaszene und die Linksparteifraktion im Stadtrat. Er äußerte sich auch zur Architektur und bezeichnete das neue Zentralgebäude der Leuphana-Universität als „menschenverachtend“. Der von Daniel Libeskind entworfene Bau passe nicht in die „gewachsene Stadt“. Der jüdische Architekt Libeskind habe „auch anderen Mist gemacht“, erklärt Nerling, „zum Beispiel des Jüdische Museum in Berlin“. [7]

Wachsende Beliebtheit in der Revisionisten-Szene

Berichte der lokalen und regionalen Presse erwähnten Nerlings Auftritt bei der Sitzung zwar nur am Rande. Doch der beurlaubte Lehrer scheint in seiner neuen Rolle als rechtsradikaler Influencer aufzugehen. Sein Kanal hat über 14.000 Abonennten und ist populär bei Verschwörungsfreunden und Revisionisten. Nerling sammelt Spenden, offenbar mit Erfolg. Zwar hat Paypal sein Konto inzwischen gesperrt, doch über ein Girokonto geht das Geschäft munter weiter. Ähnliche Online-Formate veröffentlichten in den letzten Wochen Interviews mit dem Shooting-Star, zum Beispiel der Kanal des rassistischen „Männerrechtlers“ Hagen Grell. [8]

Und das nächste Real-Life-Event ist bereits geplant: Nerling ruft seine Fans auf, mit ihm am 17. Februar nach Dresden zu fahren. [9] Details nennt er zwar nicht. Doch es dürfte eine Kundgebung von Revisionisten und Holocaust-Leugnern zum „Gedenken“ an die Bombardierung Dresdens gemeint sein. Das kleine Stelldichein findet einige Tage nach den Großveranstaltungen zu diesem Thema statt und findet allgemein weniger Beachtung. Aber dort werden sehr deutliche Aussagen gemacht. Der Organisator Gerhard Ittner bezeichnete sich im vergangenen Jahr selbst als „überzeugten Nationalsozialisten“ [10]

Der „Volkslehrer“ hat offenbar keine Ambitionen mehr, in den Schuldienst zurückzukehren. Als hemmungsloser Selbstdarsteller genießt er die Aufmerksamkeit seines neuen Publikums. Das besteht neben diffusen Verschwörungsspinnern zunehmend aus offen agierenden Neonazis. Erkennbar ist das auch an zahlreichen Kommentaren unter seinen Videos. Der YouTube-Kanal hat sich zu einer starken Marke innerhalb der Szene entwickelt. Nerling ist so etwas wie ein Influencer für frustrierte ältere Männer, die sich Deutschlands Größe zurück wünschen. Dabei hilft es ihm, dass er sich im Gegensatz zu den meisten Truthern klar und verständlich ausdrücken kann. Sein Erfolgsrezept: Er spricht mit seinen Followern wie mit Kindern.

Nach der Ratssitzung in Lüneburg feierte der "Volkslehrer" mit seinen treuen Fans
Nach der Ratssitzung in Lüneburg feierte der „Volkslehrer“ mit seinen treuen Fans
Anmerkungen

[1] YouTube-Kanal ‚Der Volkslehrer‘ am 6.1.2018

[2] Blog der Landeszeitung am 11.1.2018

[3] Website des VVN-BdA Lüneburg

[4] Blog der Landeszeitung am 1.2.2018

[5] YouTube-Kanal ‚Der Volkslehrer‘ am 3.2.2018. In dem Video werden die Namen einzelner Journalisten eingeblendet.

[6] Der Historiker Joachim Neander über die Seifenlegende (2004). Dazu auch die Website h-ref.de. Forensische Untersuchungen in Polen ergaben jedoch 2006, dass es zumindest einzelne Beispiele für solche Seifenherstellung in KZs gegeben haben soll. Womöglich liegt darin der Ursprung der Gerüchte.

[7] YouTube-Kanal ‚Der Volkslehrer‘ am 30.1.2018. Statt Bauten des jüdischen Architekten Libeskind empfiehlt Nerling die Backsteinbauweise der deutschen Kaiserzeit, denn die „entspricht göttlichen Maßstäben“, siehe Video vom 2.2.2018

[8] YouTube-Kanal von Hagen Grell am 15.1.2018. Der „Medienkritiker“ Grell war eine Zeit lang für das Truther-Projekt Nuoviso tätig. Er ist vor allem für ein bizarres Video namens „Aufruf an die deutschen Frauen“ bekannt, siehe Psiram.

[9] Einblendung im Video vom 3.2.2018, bei 17:12.

[10] Aufruf auf dem YouTube-Kanal von Gerhard Ittner, Video vom 12.01.2018. Über die Selbstbezichtigung Ittners berichtete die Berliner Zeitung am 11.2.2017.
Bilder und ein Bericht dazu vom RechercheNetzwerk Berlin 

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