Dream-Team in Dresden: der „Volkslehrer“ und der Nazi

Am Samstag marschieren Anhänger des Holocaust-Leugners Gerhard Ittner in Dresden auf. Mit dabei: der Berliner Grundschullehrer Nikolai Nerling. Der selbsternannte „Volkslehrer“ ist bereits in der offen agierenden Nazi-Szene angekommen.
Vorher-Nachher-Bild zum Thema Knast: "Volkslehrer" Nikolai Nerling (li.) und der verurteilte Shoah-Leugner Gerhard Ittner

Am Samstag marschieren Anhänger des Holocaust-Leugners Gerhard Ittner in Dresden auf. Mit dabei: der Berliner Grundschullehrer Nikolai Nerling. Der selbsternannte „Volkslehrer“ ist inzwischen in der offen agierenden Nazi-Szene angekommen.

Ende August 2000 verteilte der berüchtigte Neonazi-Aktivist Gerhard Ittner in der Nürnberger Innenstadt ein Flugblatt. Darin wurde ein ominöses „Unternehmen Flächenbrand“ angekündigt: „Von jetzt an wird zurückgeschossen!“, hieß es in der Hetzschrift. Kurz darauf, am 9. September, wurde der türkischstämmige Blumenhändler Enver Şimşek tatsächlich mit acht Schüssen ermordet – ebenfalls in Nürnberg. Die Bluttat war der erste bekannte Mord der Terrortruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU). Brisant: Ittner arbeitete zu dieser Zeit eng mit Matthias Fischer zusammen. Der heutige Funktionär der Partei „Der Dritte Weg“ war damals eine der wichtigsten Kontaktpersonen des NSU. [1]

Gerhard Ittner ist ein notorischer Holocaust-Leugner

Die Flugblattaktion legt nahe, dass Ittner von den Terrorplänen gewusst haben könnte und sie womöglich propagandistisch unterstützen wollte. Das konnte jedoch nie aufgeklärt werden, ein halbherziges Ermittlungsverfahren verlief ergebnislos. 2005 stand Gerhard Ittner wegen anderer Propagandadelikte vor Gericht. Der Nazi nutzte den Prozess als Bühne, hielt lange Reden und drohte einer Staatsanwältin mit „Todesstrafe“. Sogar sein Anwalt machte sich strafbar, weil er in Anträgen an das Gericht den Holocaust leugnete. Am Tag der Urteilsverkündung erschien der Angeklagte dann einfach nicht. Ittner war geflohen. Erst 2012 wurde er in Portugal geschnappt. [2]

Heute ist der mehrfach vorbestrafte Gerhard Ittner eher eine Randfigur der Neonazi-Szene. Im vergangenen Jahr veranstaltete er erstmals eine eigene Demonstration zum „Gedenken“ an die Bombardierung Dresdens. Im Windschatten der Großaufmärsche erhielt der Aufzug von etwa 120 Menschen vergleichsweise wenig mediale Aufmerksamkeit. Immerhin trat die verurteilte Shoah-Leugnerin Sylvia Stolz als Stargast auf. Auch Ittner ließ es sich nicht nehmen, in seiner Rede den Holocaust zu leugnen. Dafür erhielt er zwar eine Geldstrafe von 5400 Euro. [3] Doch für den kommenden Samstag hat der Unbelehrbare schon wieder eine Demo angemeldet. In diesem Jahr hat sich allerdings auch ein Newcomer angekündigt.

„Volkslehrer“ Nikolai Nerling: ein gewöhnlicher Neonazi

Der kürzlich wegen rechter Hetze vom Schuldienst beurlaubte Lehrer Nikolai Nerling wird sich auf Ittners Demo präsentieren. In einem Video und einer Rundmail hat er seine Follower dazu aufgerufen, mit ihm nach Dresden zu fahren. [4] Das zeigt deutlich: Nerling hat sich innerhalb weniger Monate vom diffusen Verschwörungstheoretiker zum offen agierenden Neonazi entwickelt. In einem am Dienstag veröffentlichten YouTube-Video interviewt Nerling eine Frau, die behauptet, ihren Job als Erzieherin wegen falscher Anschuldigungen verloren zu haben. Die Direktion habe sie einfach in die rechte Ecke gestellt. Und das nur, weil sie mit einem NPD-Politiker verheiratet sei und gern an ihre Kindheit in der Wiking-Jugend zurückdenke. Voll unfair! Dabei interessiere sie sich doch gar nicht für Politik, behauptet Birkhild Theißen – eine langjährige Aktivistin der rechtsradikalen Szene Lüneburgs. [5]

Dass der selbsterklärte „Volkslehrer“ rechtsradikale Propaganda verharmlost, ist nicht neu. Bereits in einem seiner ersten Videos äußerte er Verständnis für die Parolen der Kleinpartei „Dritter Weg“ und anderer Neonazi-Organisationen. [6] Doch da konnte Nikolai Nerling noch den Anschein erwecken, er verstünde die Zusammenhänge nicht so recht. Jetzt bemüht er sich ganz offen und direkt darum, in der beinharten Neonazi-Szene Anschluss zu finden. Das gelingt ihm durchaus. Die Clique um den notorischen Knastbruder Gerhard Ittner freut sich sicher auf den unverbrauchten Nachwuchs-Agitator. Die JVA auch.

Anmerkungen

[1] Schlussbericht des NSU-Untersuchungsausschusses des Bayerischen Landtags vom 10.07.2013 (Drucksache 16/17740) und Bayerische Staatszeitung vom 21.12.2012

[2] Spiegel Online vom 22.05.2012

[3] Blog von Friedensdemo-Watch  und Recherche-Netzwerk auf Flickr.

[4] YouTube-Video  und Email-Newsletter von volkslehrer.info, beide vom 06.02.2018

[5] YouTube-Video vom 13.02.2018 ; Antifa Lüneburg/Uelzen zur Entlassung von Birkhild Theißen ; Belltower News zum Ehemann Andreas Theißen

[6] YouTube-Video vom 25.11.2017 (nicht gelistet)

Ähnliche Artikel: