Bizarrer „Tag des Sieges“ mit AfD und Reichsbürgern

Am "Tag des Sieges" sprach der AfD-Bundestagsabgeordnete über "Gesinnungsterror" gegen seine Partei
Am "Tag des Sieges" sprach der AfD-Bundestagsabgeordnete über "Gesinnungsterror" gegen seine Partei

Wie an jedem 9. Mai feierten in Berlin mehrere Tausend Menschen den „Tag des Sieges“ über den Nationalsozialismus und gedachten der Toten des Zweiten Weltkriegs. Politsekten nutzten das Gedenken zur Selbstdarstellung. Mit dabei: Reichsbürger, Verschwörungstheoretiker, Stalinisten, Friedensbewegte und AfD-Politiker.

Mit stolz geschwellter Brust marschierte Robby Schlund über das Sowjetische Ehrenmal in Treptow. Der ehemalige NVA-Offizier sitzt für die AfD im Bundestag. Nachdem Schlund einen Kranz mit AfD-Schleife niedergelegt hatte, drehte er ein kurzes YouTube-Video. [1] Darin bezeichnete der rechte Politiker den 9. Mai als „Tag der Befreiung“ vom „Gesinnungsterror“. Auch heute würde es wieder viel „Gesinnungsterror“ geben . Dessen Opfer sei vor allem die AfD, behauptete der Thüringer. Der AfD-Kranz wurde später vom Denkmal entfernt. Robby Schlund gehört zu den erklärten Russland-Freunden in der Partei. Im April nahm er mit anderen Abgeordneten an einem Wirtschaftsgipfel auf der besetzten Krim teil.

Der „Tag des Sieges“ hat eine patriotische Tradition

1965 führte der damalige UdSSR-Staatschef Leonid Breschnew den „Tag des Sieges“ ein. In den Feierlichkeiten verband sich familiäres und staatliches Gedenken. Vor allem wurde jedoch die Größe des Vaterlands beschworen. Nach dem Ende der Sowjetunion verlor der Tag politisch an Bedeutung.

Heute instrumentalisiert das Putin-Regime die Tradition im Sinne ihrer eigenen Propaganda. In Moskau und anderen Städten werden Militärparaden abgehalten. Die Größe der Vergangenheit soll nicht zuletzt die aktuellen russischen Kriegseinsätze in der Ukraine und in Syrien rechtfertigen. Diese Lesart hat auch die beiden Berliner Gedenkveranstaltungen im Tiergarten und in Treptow verändert. Am deutlichsten zeigt sich das im alljährlichen Aufmarsch der „Nachtwölfe“-Rocker. Der paramilitärische Biker-Club ist Putin-treu und ultranationalistisch.

Reichsbürger und Stalin-Fans

Die deutschen Teilnehmer haben unterschiedliche Beweggründe – meist eher seltsame. Das Dritte Reich bestehe weiterhin, behauptete etwa der Reichsbürger Rüdiger Klasen in einer langen, wirren Rede. Die „Befreiung“ habe noch gar nicht stattgefunden. Dann spielte Klasen Ausschnitte aus Reden des Linke-Politikers Gregor Gysi vom Band ab. Unweit der Reichsbürger-Kundgebung hatte sich die russische Politsekte Sut Vremeni (Wesen der Zeit) aufgebaut. Auf Schautafeln verharmlosten die Neostalinisten die Gulag-Arbeitslager, in denen Millionen Menschen starben. Auch MLPD, DKP und DDR-Veteranen gedachten der guten, alten Zeit. Die Antifa-Organisation VVN-BdA veranstaltete am Rande ein eigenes Fest und hatte große Mühe, rechte Gäste fern zu halten.

Ein Marktschreier auf dem Friedhof

Das Treptower Ehrenmal besteht nicht nur aus Gedenksteinen. Das Hauptgelände ist auch ein Soldatenfriedhof. Auf der Anlage sind über 7.000 Sowjetsoldaten bestattet. Die Grabfelder sind normalerweise für politische Veranstaltungen tabu. In diesem Jahr postierten sich aber etwa 100 Friedensbewegte direkt zwischen den Gräbern. Unmittelbar neben der zentralen Statue, wo Veteranen und Angehörige Blumen niederlegten, hielt das Festival „Pax Terra“ eine Kundgebung ab. Dort hielt unter anderem der in Verschwörungskreisen beliebte Ken Jebsen eine Rede. Im Ton eines Marktschreiers warf Jebsen den USA und der NATO Kriegstreiberei vor. Es folgten wirre Tiraden über Medien, Flüchtlinge und viele andere Themen.

Der Veranstalter Malte Klingauf äußerte sich zum russischen Militäreinsatz in Syrien: Der sei „angemessen“. Im Gegensatz zu anderen Kriegsparteien habe Moskau völkerrechtlich „ein Recht dort zu sein“, behauptete Klingauf. [2] Dass die russische Luftwaffe immer wieder bewohnte Innenstädte bombardiert, ist für den selbsternannten Friedensaktivisten deshalb offenbar gerechtfertigt. Verschwörungstheoretiker wie Jebsen und Klingauf sehen es am Ende ebenso wie Putin und die AfD: Alles, was dem Westen schadet, ist irgendwie „Frieden“.

Anmerkungen

[1] Kanal von Robby Schlund am 09.05.2018

[2] RT Deutsch postete ein Live-Video auf Facebook.

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